Das System verstehen, um es zu verändern

Wie wird eine junge Stiftung wirksam in einem komplexen, dicht besiedelten, hochregulierten Feld? Laura Haverkamp, Co-Lead der alv, und Aline Menden, Gründerin von endeva, haben dafür einen gemeinsamen Prozess aufgesetzt. Zwischen Oktober 2025 und März 2026 entstand mit rund 30 Akteur:innen eine Systemkarte für das Feld der sozial-emotionalen Kompetenzentwicklung in Deutschland. Sie soll Muster im System und neue Handlungs- und Kooperationsmöglichkeiten sichtbar machen. Und sie soll zeigen, wie systemisches Fördern aussehen könnte. Ein Gespräch über den Anfang einer Lernreise und die Einladung, mitzureisen.

Warum habt ihr euch der Frage nach Wirksamkeit auf diese Weise genähert?

Laura: Die alv ist eine junge Akteurin. Seit einigen Jahren begleiten wir mit einem „Lernen durch Fördern“-Ansatz Organisationen und Initiativen in verschiedenen Lebenswelten von Kindern. Dabei fragen wir uns: Wie stärken wir unternehmerisch-kreative Kräfte und ermöglichen systemisches Wirken? Viele Organisationen leisten großartige Arbeit entlang echter Bedarfe und erreichen Tausende Menschen. Ihre Programme sind wichtig, als Innovationstreiber und als Entlastung überlasteter Strukturen (früher) Bildung. Die Skalierung einzelner Programme allein kann aber nicht die Antwort sein. Viele stoßen immer wieder an ähnliche strukturelle Hürden, etwa bei Finanzierung und Verankerung.

Aline: An diesem Punkt kamen wir ins Gespräch. Die alv fragte sich, welche Intervention über die Organisationsförderung hinaus sinnvoll ist. Wir haben dann zu einer Exploration eingeladen, mit dieser Leitfrage: Wie können wir gemeinsam die Voraussetzungen schaffen, dass jedes Kind in Deutschland sozial-emotionale Kompetenzen als Basis für Resilienz und Gestaltungskraft entwickeln kann?

Laura: Wir wollten ein Gefühl dafür bekommen, ob es im Feld ein gemeinsames Narrativ und eine gemeinsame Energie gibt, als Grundlage für Zusammenarbeit. Auf der Metaebene fragen wir uns: Wie können wir als Stiftung bedarfsgerecht Koordination und Kooperation ermöglichen? Ziel ist, dass sich die Voraussetzungen für die Verankerung sozial-emotionaler Kompetenzförderung verbessern.

Wie seid ihr vorgegangen?

Aline: Komplexe soziale Probleme löst man nicht linear. Man bekämpft nicht Ursache A und erwartet Wirkung B, alles ist rückgekoppelt. Deshalb kartieren wir Wechselwirkungen als „Feedback-Loops“, also als sich selbst verstärkende Dynamiken. Dann suchen wir Hebelpunkte, an denen man möglichst koordiniert ansetzen kann. Im ersten Schritt haben wir gemeinsam gefragt: An welchen Hürden scheitern wir alle immer wieder, und welche können wir nur gemeinsam angehen? Was gelingt bereits gut, und wie lässt es sich stärken, replizieren und vergrößern? Im zweiten Schritt entstanden daraus erste Ideen für gemeinsames Handeln an solchen Hebelpunkten.

Laura: Uns war ein zugewandter, schlanker und trotzdem fundierter Weg wichtig. Am Anfang standen Expert:inneninterviews, ein Problembaum, erste Hypothesen und unsere prägnante Leitfrage. Es folgten zwei digitale Workshops à zwei Stunden mit sehr unterschiedlichen Akteur:innen sowie ein Workshop mit Verbänden. Die eigentliche Arbeit lag im Kuratieren zwischen den Schritten. So konnten wir die Zeit in den Workshops besonders gut nutzen.

Aline: Ebenso wichtig wie die Methode war das Wie des Zusammenkommens. Wir wollten einen sicheren Raum schaffen, in dem wir mit Offenheit und Vertrauen über das gemeinsame Ziel und die Wege dorthin sprechen. Dann wird vieles möglich.

Was ist herausgekommen, und was nehmt ihr inhaltlich mit?

Aline: Sichtbares Ergebnis sind eine Karte und ein Narrativ. Sie geben uns eine gemeinsame Sprache für Wirkzusammenhänge und eine Grundlage für gemeinsames Handeln. Die Karte zeigt sieben verbundene Feedback-Loops, die sich über (frühe) Bildung, Familie und Hilfesysteme sowie Gesundheit erstrecken. Ein Muster zieht sich durch fast alle: Unsere Systeme sind stark auf das Sicht- und Messbare ausgerichtet. Beziehungsqualität und sozial-emotionales Lernen (SEL) rücken dadurch in den Hintergrund und bekommen strukturell wenig Raum, in der Ausbildung, im Lehrplan und in der Finanzierung. Zudem fehlen Verbindungen zwischen den Rechtskreisen von Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssystem. Es gibt viele SEL-Programme, aber wenig Transparenz und Koordination zwischen ihnen. Aus Sicht des Kindes heißt das: In der Theorie gibt es ein Bekenntnis, in der Praxis ist die Verantwortung für das sozial-emotionale Gedeihen diffus.

Laura: Ich nehme für mich mit: Gelingende Beziehung im Aufwachsen ist kritische Infrastruktur. Das gilt für die Beziehung zu sich selbst, zu anderen und idealerweise zur Natur, deren Teil wir sind. Diese Infrastruktur braucht ähnliche Aufmerksamkeit wie Stromtrassen oder Straßennetze. Um sie zu stärken, braucht es innere Arbeit, Raum dafür und Anerkennung. SEL gewinnt zwar an Sichtbarkeit, als stützendes Netz, als Nährboden für Basiskompetenzen und als Lernvoraussetzung. Doch viele Antworten bleiben beim individuellen Verhalten stehen. Die Verhältnisse und die Dynamiken dahinter geraten zu selten in den Blick. Im schlechtesten Fall bleibt SEL dann ein Zusatz in überlasteten Systemen, die Kinder zum Funktionieren bringen sollen. Das gilt es zu verhindern.

Aline: Methodisch ist der Blick auf das Aufwachsen als Ganzes hoch spannend, weil so viele Systeme beteiligt sind. Das Schwierigste ist nicht die Analyse, sondern das Setzen von Systemgrenzen. Weil alles mit allem verbunden ist, muss man irgendwann sagen: Für jetzt reicht das. Es ist „safe enough to try“, also sicher genug, um den nächsten Schritt auszuprobieren.

Welche Potenziale seht ihr?

Laura: Aus 30 unterschiedlichen Perspektiven und auch aus der Reibung entsteht ein realistischeres Bild, als jede Schreibtischrecherche liefern könnte. Auf Facilitation und Fragestellung haben wir sehr positives Feedback bekommen. Mein Eindruck war, dass die Energie im Raum allen gut getan hat. Einige Teilnehmende wollen in Verbindung bleiben, Ideen weiterverfolgen und sich vielleicht gemeinsam sichtbar machen. Die Karte hat einen ersten Funken Miteinander gezündet, über einzelne Organisationen hinaus.

Aline: Systemische Veränderung bringt fast nie eine Organisation allein voran, und fehlendes Geld ist selten die einzige Hürde. Das gewachsene Fördersystem verschärft das Problem eher. Es setzt wenig Anreize für gemeinsames Lernen, Kooperation und Langfristigkeit. Organisationen konkurrieren um Mittel und müssen sich voneinander abheben, statt sich zu ergänzen. Darin liegt ein großes Lernfeld, nicht nur für uns.

Wie geht es weiter?

Aline: Wir haben Hebel identifiziert, sind aber noch nicht tiefer in die Co-Creation eingestiegen. Das liegt auch daran, dass sich im Feld gerade viel bewegt. Es gibt Kooperationen rund um mentale Gesundheit. Die Ausbildung von Fach- und Lehrkräften wird in den Blick genommen, ebenso die datenbasierte Schulsteuerung. Und es geht um die Frage, wie aus einer bestehenden Präventionsnorm eine Präventionsarchitektur wird, etwa mit neuen Rollen an Schulen und Kitas.

Laura: Klar geworden ist auch: Die Fliehkräfte sind groß, sich auf die eigene Organisation, ihre Bedarfe und Angebote zu konzentrieren. Oft müssen Organisationen das sogar. Gutes Miteinander braucht Zeit, Raum und Ressourcen, die im Alltag fehlen. Was braucht es an Vertrauen und Zeit, um gemeinsam an Mustern statt an Symptomen anzusetzen? Und welche Rolle können und sollten Stiftungen spielen: Geben sie Startkapital für einzelne Initiativen, oder sind sie aktiver Teil von Kooperation? Zum Glück machen sich immer mehr Stiftungen auf ähnliche Wege, und mit ihnen sind wir gern im Austausch. Aktuell begleiten wir einige Initiativen wie die Mental Health Alliance und vertiefen weitere Ansätze aus dem Prozess. Gleichzeitig will ich auch offen sagen: Wir haben in der Vielfalt der Anknüpfungspunkte noch nicht den einen identifiziert, auf den wir uns gemeinschaftlich fokussieren. Wir bleiben dran – das war erst der Anfang.

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